Nachspielzeit: wie sie berechnet wird und warum länger gespielt wird als angezeigt
Die Anzeigetafel zeigt vier Minuten, gespielt werden sechs. Kaum ein Detail des Spiels wird so regelmäßig als Willkür empfunden wie die Nachspielzeit, und kaum eines folgt so klaren Regeln.
Der Grund für das Missverständnis steckt in einem einzigen Wort auf der Tafel: mindestens.
Was nachgespielt wird
Der Schiedsrichter addiert die Zeit, in der nicht gespielt wurde: Auswechslungen, Behandlungen verletzter Spieler, Torjubel, Verwarnungen und Platzverweise, Trinkpausen sowie jede Verzögerung, die er als absichtlich einstuft. Seit einigen Jahren wird zusätzlich die Zeit für Videoüberprüfungen angerechnet, was die Nachspielzeiten insgesamt spürbar verlängert hat.
Nicht angerechnet wird dagegen die normale Unterbrechung des Spiels. Ein Einwurf, ein Freistoß, ein Abstoß gehören zum Spiel, auch wenn währenddessen der Ball ruht.
Warum die angezeigte Zahl nur eine Untergrenze ist
Der vierte Offizielle zeigt die Zeit an, die bis zum Ende der regulären neunzig Minuten zusammengekommen ist. Was danach passiert, ist noch nicht darin enthalten. Eine Auswechslung in der 91. Minute, ein Torjubel in der 93., eine Behandlung in der 94.: All das kommt oben drauf.
Deshalb ist die angezeigte Zahl eine Untergrenze und keine Zusage. Wer sich darüber ärgert, dass nach vier angezeigten Minuten in der 96. noch gespielt wird, ärgert sich meist über eine Regel, die genau so gemeint ist.
Wann abgepfiffen wird
Das Ende liegt im Ermessen des Schiedsrichters, mit einer Einschränkung, die in der Praxis fast immer greift: Läuft ein aussichtsreicher Angriff, wird er zu Ende gespielt. Ein Abpfiff mitten in einem Konter wäre regeltechnisch zulässig und wird trotzdem vermieden.
Und ein Detail, das viele überrascht: Wird in der Nachspielzeit ein Strafstoß verhängt, muss er ausgeführt werden, auch wenn die Zeit längst abgelaufen ist. Die Spielzeit wird dafür verlängert. Ausgeführt heißt dabei tatsächlich beendet: Ein Nachschuss nach einem gehaltenen Elfmeter zählt nicht mehr, weil die Verlängerung nur für die Ausführung selbst gilt.
Warum die Nachspielzeiten länger geworden sind
Über Jahrzehnte lag die angezeigte Nachspielzeit fast reflexhaft bei einer Minute in der ersten und drei Minuten in der zweiten Halbzeit, weitgehend unabhängig davon, was tatsächlich passiert war. Diese Konvention ist gefallen. Angerechnet wird inzwischen konsequenter, und Videoüberprüfungen kommen als neuer Posten hinzu, den es früher nicht gab.
Die Folge sind Anzeigen, die vor einigen Jahren undenkbar gewesen wären. Sie beschreiben keine neue Regel, sondern eine strengere Anwendung der alten, und sie treffen vor allem Mannschaften, die auf Zeitspiel setzen.
Was das über die effektive Spielzeit sagt
Interessanter als die Nachspielzeit ist die Zahl dahinter: die Zeit, in der der Ball tatsächlich im Spiel ist. Sie liegt in europäischen Ligen meist deutlich unter sechzig Minuten, bei neunzig plus Nachspielzeit auf der Uhr.
Diese Differenz ist der eigentliche Befund. Ein Drittel eines Fußballspiels besteht aus Standardsituationen, die vorbereitet werden, aus Einwürfen, Abstößen, Auswechslungen und Unterbrechungen nach Fouls. Die Nachspielzeit holt davon nur einen Teil zurück, nämlich den, der über das normale Maß hinausgeht.
In der Diskussion darüber, ob die reine Spielzeit gestoppt werden sollte wie im Handball oder Basketball, steht genau diese Zahl im Zentrum. Bislang ohne Folgen für die Regel.
Warum sie trotzdem umstritten bleibt
Der Einwand gegen die längeren Nachspielzeiten lautet selten, sie seien falsch berechnet. Er lautet, sie seien ungleich verteilt: Eine Mannschaft, die führt, verliert mit jeder zusätzlichen Minute mehr, als die zurückliegende gewinnt, und das Ausmaß dieser Verschiebung liegt im Ermessen einer Person.
Dagegen steht das Argument, dass jede Minute, die nachgespielt wird, vorher tatsächlich verloren gegangen ist. Wer sie zurückgibt, stellt lediglich her, was auf dem Papier ohnehin gilt. Beide Seiten haben recht, und der Streit lässt sich nicht dadurch entscheiden, dass man genauer misst.
Die längeren Anzeigen haben nebenbei eine praktische Folge, über die kaum geredet wird: Übertragungen laufen häufiger über ihr geplantes Ende hinaus, was Sendepläne und Konferenzschaltungen betrifft. Details dazu unter Bundesliga im TV.
Wer das im Stadion beobachtet, erkennt den Unterschied zur Fernsehwahrnehmung: Auf der Anzeigetafel läuft die Uhr weiter, während im Wohnzimmer die Wiederholung läuft. Die zusätzlichen Minuten fallen dort schlicht weniger auf.
Häufige Fragen zur Nachspielzeit
Wie wird die Nachspielzeit berechnet?
Der Schiedsrichter addiert die Zeit für Auswechslungen, Behandlungen, Torjubel, Karten, Trinkpausen, Videoüberprüfungen und absichtliche Verzögerungen.
Warum wird länger gespielt als angezeigt?
Weil die Anzeige nur die bis zur 90. Minute angefallene Zeit umfasst. Unterbrechungen währen der Nachspielzeit kommen hinzu.
Zählt die Zeit für Einwürfe und Freistöße mit?
Nein. Das sind normale Spielunterbrechungen. Angerechnet wird nur, was darüber hinausgeht.
Was passiert bei einem Elfmeter in der Nachspielzeit?
Er wird ausgeführt, die Spielzeit dafür verlängert. Ein Nachschuss zählt allerdings nicht mehr, weil die Verlängerung nur der Ausführung gilt.