Fußball-Statistik erklärt: welche Kennzahlen wirklich etwas aussagen
Nach dem Abpfiff erscheint eine Tafel: Ballbesitz 63 zu 37, Torschüsse 14 zu 6, Passquote 87 Prozent. Wer das Spiel gesehen hat, erkennt es darin manchmal wieder. Manchmal nicht.
Fußball-Statistik erklärt in solchen Momenten weniger, als die Tafel behauptet. Die Werte sind sauber erhoben und trotzdem missverständlich, weil in jedem von ihnen eine Vorentscheidung darüber steckt, was gezählt wird und was durchrutscht. Dieser Überblick sortiert die gängigen Kennzahlen im Fußball, zeigt, woher die Daten eines Spiels stammen, und benennt bei jeder Größe die Stelle, an der sie kippt.
Kennzahlen im Fußball: was überhaupt gezählt wird
Die Kennzahlen im Fußball zerfallen in zwei Familien. Die erste zählt Ereignisse: Pässe, Schüsse, Zweikämpfe, Flanken, Fouls, Ecken. Jedes davon ist ein Vorgang mit einem klaren Anfang und Ende, den jemand als solchen protokolliert. Die zweite Familie beschreibt keine Ereignisse, sondern Positionen: Wo standen die 22 Spieler und der Ball in jeder Sekunde? Aus dieser zweiten Familie stammen Laufwege, Distanzen, Sprintzahlen und alles, was mit Raum zu tun hat.
Der Unterschied ist größer, als er klingt. Ereignisdaten entstehen durch Interpretation: Ein Mensch entscheidet, ob eine Berührung ein Pass war oder eine Klärung, ob ein Zweikampf stattfand oder nur zwei Spieler nebeneinander liefen. Positionsdaten entstehen durch Messung, und Messungen streiten nicht über Definitionen.
Wer eine Zahl liest, sollte deshalb zuerst wissen, aus welcher der beiden Familien sie stammt.
Woher die Daten eines Spiels stammen
In der Bundesliga liefert Sportec Solutions, ein Gemeinschaftsunternehmen der DFL, die offiziellen Spieldaten. International arbeiten viele Vereine und Medien mit Opta, das zu Stats Perform gehört. Daneben stehen kleinere Anbieter mit eigenen Ansätzen, etwa das deutsche Unternehmen Impect, das der frühere Leverkusener Stefan Reinartz mitgegründet hat und das statt Pässen überspielte Gegenspieler zählt.
Die Positionsdaten kommen aus fest installierten Kamerasystemen im Stadion, die den Ball und jeden Spieler mehrmals pro Sekunde erfassen. Im Training übernehmen das meist GPS-Westen. Beide Verfahren liefern dieselbe Art von Information, aber nicht dieselben Werte: Ein Kamerasystem verliert einen Spieler im Getümmel kurz und rekonstruiert die Lücke, ein GPS-Signal driftet unter dem Hallendach. Wer Zahlen aus zwei Quellen nebeneinanderlegt, vergleicht deshalb nie ganz dasselbe. Die Daten sind in beiden Fällen sauber erhoben, nur eben nicht dieselben.
Historisch ist diese zweite Familie die jüngere. Über Jahrzehnte bestand die Fußball-Statistik aus dem, was ein Beobachter mitschreiben konnte: Tore, Karten, Ecken, später Torschüsse und Zweikämpfe. Erst als Kamerasysteme flächendeckend in den Stadien hingen, wurde der Raum selbst zur Datenquelle, und damit verschob sich, worüber überhaupt gestritten werden kann. Über eine Laufdistanz lässt sich nicht diskutieren. Über die Frage, ob ein Zweikampf stattgefunden hat, sehr wohl.
Warum dieselbe Zahl in der Bundesliga unterschiedlich ausfällt
Das ist der Punkt, an dem die meisten Diskussionen entgleisen. Zwei Anbieter melden für dasselbe Spiel der Bundesliga 58 und 61 Prozent Ballbesitz, und beide haben recht, weil sie Ballbesitz verschieden berechnen: der eine als Anteil an allen gespielten Pässen, der andere als tatsächliche Zeit am Ball. Bei Zweikämpfen ist der Spielraum noch größer, weil dort erst definiert werden muss, was ein Zweikampf überhaupt ist.
Für den Leser folgt daraus eine schlichte Regel: Eine Zahl ohne Quelle ist keine Zahl, sondern eine Behauptung. Innerhalb einer Quelle sind Vergleiche über eine Saison hinweg belastbar. Zwischen zwei Quellen sind sie es nicht.
Was eine Statistik erklärt und was sie verschweigt
Die vier Kennzahlen, über die am häufigsten gestritten wird, haben jeweils eine eigene Schwachstelle. Expected Goals bewertet die Qualität einer Chance, sagt aber nichts über die Qualität des Abschlusses. Die Passquote steigt, wenn eine Mannschaft das Risiko senkt. Die Zweikampfquote hängt davon ab, wer das Protokoll führt. Der Ballbesitz misst Aufenthalt, nicht Absicht.
Keine dieser Zahlen ist deswegen wertlos. Sie beantworten nur eine engere Frage, als ihr Name vermuten lässt, und je enger man die Frage fasst, desto brauchbarer wird die Antwort. Wer wissen will, ob eine Mannschaft über zehn Spiele hinweg zu wenig aus ihren Chancen gemacht hat, findet in Expected Goals ein gutes Werkzeug. Wer aus dem xG-Wert eines einzelnen Spiels auf Verdienst schließt, benutzt dasselbe Werkzeug falsch. Eine Fußball-Statistik erklärt immer nur den Ausschnitt, den ihre Definition zulässt.
Die ausführliche Einordnung der einzelnen Größen steht auf den folgenden Seiten: Expected Goals, Passquote, Zweikampfquote und Ballbesitz. Wie viel ein Profi in 90 Minuten tatsächlich zurücklegt und warum diese Zahl seit den Achtzigern kaum noch steigt, steht unter Laufleistung im Fußball.
Häufige Fragen zur Fußball-Statistik
Welche Kennzahlen im Fußball sind wirklich aussagekräftig?
Über größere Zeiträume sind Expected Goals und die Verteilung der Abschlusspositionen belastbar, weil sich Zufall herausmittelt. Über ein einzelnes Spiel ist fast keine Kennzahl aussagekräftig, auch das Ergebnis nur bedingt.
Warum weichen die Werte verschiedener Anbieter voneinander ab?
Weil sie unterschiedlich definieren und unterschiedlich erheben. Ballbesitz lässt sich als Anteil der Pässe oder als Zeit am Ball rechnen, ein Zweikampf ist erst dann gezählt, wenn ihn jemand als Zweikampf einträgt. Beide Zahlen sind korrekt und trotzdem nicht vergleichbar.
Wer erhebt die offiziellen Daten der Bundesliga?
Sportec Solutions, ein Gemeinschaftsunternehmen der DFL. International ist Opta der verbreitetste Anbieter, daneben arbeiten einzelne Vereine mit spezialisierten Firmen wie Impect.
Was ist der Unterschied zwischen Ereignisdaten und Positionsdaten?
Ereignisdaten protokollieren Aktionen wie Pässe oder Schüsse und beruhen auf der Einschätzung eines Menschen. Positionsdaten messen mehrmals pro Sekunde, wo Ball und Spieler stehen, und kommen ohne diese Einschätzung aus.
Ersetzt Statistik das Zuschauen?
Nein. Sie beantwortet Fragen, die sich beim Zuschauen nicht beantworten lassen, etwa ob ein Muster über zwanzig Spiele stabil ist. Umgekehrt sieht ein Zuschauer Dinge, für die es keine Spalte gibt.