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Ballbesitz im Fußball: zwei Rechenwege und was der Wert aussagt

Ball auf dem Anstoßpunkt eines leeren Stadions

63 zu 37. Kaum eine Zahl steht so verlässlich am Ende einer Übertragung, und kaum eine wird so verlässlich falsch gelesen.

Ballbesitz im Fußball beschreibt, wie sich die Zeit oder die Pässe eines Spiels auf beide Mannschaften verteilen. Er beschreibt nicht, wer das Spiel bestimmt hat, und er beschreibt schon gar nicht, wer es verdient hätte zu gewinnen. Der Wert ist eine Zustandsbeschreibung, die regelmäßig als Bewertung gelesen wird.

Zwei Rechenwege, ein Begriff

Der Ballbesitz in der Bundesliga wird auf zwei grundverschiedene Arten ermittelt. Die erste zählt Pässe: Der Anteil einer Mannschaft an allen im Spiel gespielten Pässen ergibt ihren Ballbesitzwert. Die zweite misst Zeit, also die tatsächlichen Sekunden, in denen ein Spieler der jeweiligen Mannschaft den Ball kontrolliert.

Beide Verfahren liefern für dasselbe Spiel unterschiedliche Zahlen, und die Differenz ist nicht klein. Eine Mannschaft, die viele kurze Pässe in hoher Frequenz spielt, sieht in der Pass-Rechnung dominanter aus, als sie in der Zeit-Rechnung wirkt. Eine Mannschaft mit langen Ballführungen und wenigen Pässen umgekehrt.

Wer also zwei Quellen nebeneinanderlegt und eine Abweichung von vier Prozentpunkten findet, hat meistens keinen Fehler entdeckt, sondern zwei Definitionen.

Warum viel Ballbesitz nicht viel wert sein muss

Der bekannteste Einwand ist der einfachste: Eine führende Mannschaft gibt den Ball ab. Sie zieht sich zurück, überlässt dem Gegner das Aufbauspiel und verteidigt einen Vorsprung. Ihr Ballbesitz sinkt, während ihre Lage besser wird.

Dazu kommt die Frage, wo der Ball überhaupt war. Vierzig Minuten Ballbesitz in der eigenen Hälfte sind etwas anderes als vierzig Minuten im letzten Drittel, und der Gesamtwert unterscheidet beides nicht. Aussagekräftiger sind deshalb Zusatzgrößen: Ballbesitz nach Spielfelddritteln, die Zahl der Ballkontakte im gegnerischen Strafraum, oder Pressing-Kennzahlen wie die Zahl gegnerischer Pässe pro Abwehraktion.

Vom Ideal zur Zwischengröße

Es gab eine Phase, in der hoher Ballbesitz als Ausweis guten Fußballs galt. Das Barcelona der späten Nullerjahre und die spanische Nationalmannschaft dieser Jahre standen für ein Spiel, in dem der Ball selbst die Verteidigung war: Wer ihn hat, kann kein Gegentor kassieren. Die Zahl wurde in dieser Zeit von einer Beschreibung zu einem Gütesiegel.

Die Gegenbewegung kam schnell und war ebenso erfolgreich. Mannschaften, die den Ball bewusst abgaben, um im Umschaltmoment zuzuschlagen, gewannen Titel gegen ballbesitzstarke Gegner, und in der Bundesliga wurde das Pressing gegen den Aufbau zur eigenen Spezialität. Seither ist der Ballbesitz das, was er vorher schon war: eine Zwischengröße, die beschreibt, wie eine Mannschaft spielt, und nicht, wie gut. Geblieben ist von der Debatte immerhin eine nützliche Frage. Sie lautet nicht mehr, wer den Ball hatte, sondern wozu.

Wann die Zahl doch etwas zeigt

Über eine Saison hinweg ist der Ballbesitz ein guter Indikator für die Spielidee einer Mannschaft. Ein Verein, der konstant über 58 Prozent liegt, hat sich für einen Ansatz entschieden, und die Zahl macht diese Entscheidung sichtbar. Bricht der Wert über mehrere Spiele ein, ist das ein Hinweis auf eine Veränderung: neuer Trainer, neue Rollen, oder eine Mannschaft, die ihren Plan nicht mehr durchbekommt.

Nützlich ist der Wert außerdem als Kontext für andere Kennzahlen. Hoher Ballbesitz bei wenigen Abschlüssen und hoher Passquote beschreibt ein bekanntes Muster: Der Ball zirkuliert, ohne dass daraus Gefahr entsteht. Genau in dieser Kombination liegt der Erkenntniswert, nicht in den 63 Prozent für sich.

Was in der Tabelle nach dem Spiel fehlt

Die Einblendung nennt zwei Prozentwerte und verschweigt drei Angaben, die für die Einordnung nötig wären: nach welcher Methode gerechnet wurde, wie sich der Ballbesitz über die Spielzeit verteilte und in welchem Drittel er stattfand. Alle drei liegen in den Rohdaten vor. Sie erscheinen nur nicht auf dem Bildschirm, weil eine einzelne Zahl sich besser einblenden lässt als eine Verteilung.

Für den Leser bleibt daraus eine brauchbare Gewohnheit: Den Ballbesitz nie als erste Zahl lesen, sondern als letzte. Erst Ergebnis, dann Abschlüsse und Chancenqualität, dann die Frage, wem der Ball gehörte. In dieser Reihenfolge stellt sich die Verwechslung von Aufenthalt und Überlegenheit gar nicht erst ein.

Die anderen Größen stehen im Überblick zur Fußball-Statistik, direkt anschlussfähig sind Passquote und Expected Goals.

Häufige Fragen zum Ballbesitz

Wie wird Ballbesitz im Fußball berechnet?

Auf zwei Arten: als Anteil an allen gespielten Pässen oder als tatsächliche Zeit am Ball. Welche Methode eine Quelle verwendet, steht selten dabei, erklärt aber die meisten Abweichungen zwischen zwei Statistiken.

Gewinnt die Mannschaft mit mehr Ballbesitz häufiger?

Nur schwach. Der Zusammenhang existiert, ist aber deutlich lockerer, als die Prominenz der Zahl vermuten lässt, und er kehrt sich um, sobald eine Mannschaft führt und sich zurückzieht.

Was ist aussagekräftiger als der reine Prozentwert?

Ballbesitz aufgeschlüsselt nach Spielfelddritteln, Ballkontakte im gegnerischen Strafraum und Pressing-Kennzahlen. Sie beantworten die Frage, wo der Ball war und was mit ihm passierte.

Warum weichen zwei Quellen um mehrere Prozentpunkte ab?

Weil sie unterschiedlich rechnen. Pass-Anteil und Zeitmessung ergeben für dieselbe Partie systematisch verschiedene Werte, je nachdem, wie eine Mannschaft spielt.