Tracking-Daten im Fußball: wie Laufwege und Sprints tatsächlich gemessen werden
Jede Laufleistung, jeder Sprintwert und jede Heatmap beruht auf derselben Grundlage: einem Datensatz, der für jede Sekunde eines Spiels festhält, wo sich 22 Spieler, drei Schiedsrichter und der Ball befinden.
Wie dieser Datensatz entsteht, wird selten erklärt, obwohl es erklärt, warum manche Zahlen belastbar sind und andere nicht.
Kameras im Stadion, Westen im Training
Im Stadion arbeiten optische Systeme. Mehrere fest installierte Kameras erfassen das Spielfeld aus verschiedenen Winkeln, eine Software erkennt die Spieler und verfolgt sie über die Zeit. Die Abtastrate liegt üblicherweise bei rund 25 Bildern pro Sekunde, was für Distanzen und Geschwindigkeiten ausreicht.
Im Training wird meist anders gemessen. Spieler tragen Westen mit GPS-Sendern zwischen den Schulterblättern, die ihre Position direkt melden. Der Vorteil liegt auf der Hand: keine Kamerainfrastruktur nötig, Messung auf jedem Platz. Der Nachteil ebenso: Satellitensignale sind unter Dächern und in engen Stadionschüsseln unzuverlässig.
Beide Verfahren liefern dieselbe Art von Information und nicht dieselben Werte.
Wo die Fehler entstehen
Optische Systeme haben ein bekanntes Problem: Verdeckung. Laufen zwei Spieler in einer Ecke oder in einer Mauer dicht beieinander, verliert die Software die Zuordnung kurz und muss sie anschließend rekonstruieren. Dieser Moment ist eine Schätzung, und in dichten Situationen häufen sich Schätzungen.
Bei GPS ist der typische Fehler ein anderer. Das Signal driftet, besonders bei schnellen Richtungswechseln, und ausgerechnet dort entstehen die interessanten Werte: Beschleunigungen, kurze Sprints, abruptes Abbremsen. Die Gesamtdistanz eines Trainings ist deshalb verlässlicher als die Zahl der darin enthaltenen Sprints.
Was daraus für das Lesen von Zahlen folgt
Gesamtdistanzen sind robust. Sie ergeben sich aus vielen Einzelmessungen, und Fehler mitteln sich weitgehend heraus. Sprintzahlen sind es nicht, denn sie hängen davon ab, ab welcher Geschwindigkeit ein Anbieter einen Sprint zählt. Verschiedene Systeme setzen diese Schwelle unterschiedlich an, und schon ein halber Meter pro Sekunde Unterschied verschiebt das Ergebnis erheblich.
Deshalb gilt für Laufdaten dieselbe Regel wie für alle anderen Kennzahlen: innerhalb einer Quelle vergleichen, nicht zwischen zweien. Wer eine Trainingszahl aus einer GPS-Weste neben eine Spielzahl aus dem Kamerasystem legt, vergleicht zwei Messverfahren und nennt das Ergebnis Formkurve.
Vom Rohdatensatz zur Zahl auf dem Bildschirm
Was das Kamerasystem liefert, ist zunächst nichts als eine sehr lange Tabelle: Zeitstempel, Spieler, Koordinaten. Alles, was daraus in einer Übertragung erscheint, ist ein Rechenschritt darüber. Die Laufdistanz ist die Summe der Abstände zwischen aufeinanderfolgenden Positionen, die Geschwindigkeit deren Ableitung, ein Sprint eine Phase, in der diese Geschwindigkeit über einer festgelegten Schwelle bleibt.
Jeder dieser Schritte enthält eine Entscheidung. Wie stark werden die Rohdaten geglättet, bevor gerechnet wird? Zu wenig Glättung erzeugt aus Messrauschen Scheinbeschleunigungen, zu viel schneidet echte kurze Antritte weg. Zwei Anbieter mit identischen Rohdaten können deshalb unterschiedliche Sprintzahlen melden, ohne dass einer von beiden falsch rechnet.
Wozu die Daten im Verein dienen
Der sichtbare Teil, also die Zahl in der Halbzeitpause, ist der Nebenertrag. Der eigentliche Zweck liegt in der Trainingssteuerung: Belastung über die Woche verteilen, Rückkehr nach Verletzungen dosieren, erkennen, wenn ein Spieler über mehrere Einheiten hinweg unter seinen eigenen Werten bleibt.
Dafür sind absolute Vergleiche zwischen Spielern uninteressant. Verglichen wird ein Spieler mit sich selbst, über Wochen, mit derselben Weste und derselben Software. Genau die Bedingung also, die bei den öffentlich diskutierten Zahlen fast nie erfüllt ist.
Weiterführend: Laufleistung im Fußball und der Überblick zur Fußball-Statistik.
Wem die Daten gehören
Ein Punkt, der in der Diskussion um Fußballdaten selten vorkommt: Die Erfassung findet im Stadion statt, aber die Rechte an den Daten liegen bei der Liga, die die Infrastruktur beauftragt. In der Bundesliga läuft das über die DFL und deren Datentochter, die die offiziellen Werte erhebt und weiterverkauft.
Für die Vereine bedeutet das, dass sie ihre eigenen Spieldaten nicht einfach besitzen, sondern beziehen. Für die Öffentlichkeit bedeutet es, dass Positionsdaten praktisch nie frei verfügbar sind, während Ereignisdaten über Umwege zugänglich sind. Genau daher rührt das Ungleichgewicht in der öffentlichen Analyse: Über Pässe und Schüsse wird viel geschrieben, über Räume und Laufwege wenig.
Was in einer Übertragung als Laufleistung erscheint, ist deshalb oft die einzige Positionsinformation, die ein Zuschauer je zu sehen bekommt.
Häufige Fragen zu Tracking-Daten
Wie werden Positionsdaten im Stadion erfasst?
Über fest installierte Kameras, deren Software die Spieler erkennt und mit rund 25 Bildern pro Sekunde verfolgt.
Warum tragen Spieler im Training Westen?
Darin sitzt ein GPS-Sender. Auf dem Trainingsplatz gibt es keine Kamerainfrastruktur, dafür ist das Satellitensignal unter Dächern unzuverlässig.
Welche Laufwerte sind zuverlässig, welche nicht?
Gesamtdistanzen sind robust, weil sich Messfehler herausmitteln. Sprintzahlen sind es nicht, weil jeder Anbieter eine eigene Geschwindigkeitsschwelle für einen Sprint ansetzt.
Was passiert, wenn sich Spieler gegenseitig verdecken?
Die Software verliert kurz die Zuordnung und rekonstruiert sie anschließend. Diese Rekonstruktion ist eine Schätzung, und in dichten Situationen häufen sie sich.