Packing im Fußball: die Kennzahl, die überspielte Gegner zählt
Zwei ehemalige Bundesligaspieler stellten Mitte der zehner Jahre eine Frage, die im Fußball erstaunlich lange offen geblieben war: Warum zählen wir Pässe, statt zu zählen, was ein Pass bewirkt?
Stefan Reinartz, davor bei Bayer Leverkusen, und Jens Hegeler entwickelten daraus eine eigene Kennzahl und gründeten das Unternehmen Impect. Der Begriff, der davon in der deutschen Fußballsprache hängengeblieben ist, lautet Packing.
Was gezählt wird
Packing misst, wie viele Gegenspieler ein Pass oder ein Dribbling aus dem Spiel nimmt. Überspielt ein Ball vier Gegner, weil er hinter deren Position ankommt, zählt er vier. Ein Querpass in der eigenen Hälfte überspielt niemanden und zählt null, egal wie sauber er gespielt wurde.
Damit dreht die Kennzahl die Bewertung um. In der klassischen Statistik ist der sichere Querpass ein Erfolg, weil er die Passquote hebt. Im Packing ist er ein Nullwert. Umgekehrt kann ein riskanter Ball, der zwar ankommt, aber niemanden überspielt, in der einen Rechnung glänzen und in der anderen verschwinden.
Die Verschärfung: überspielte Verteidiger
Nützlicher als der Rohwert ist die Variante, die nur Abwehrspieler zählt. Zehn überspielte Stürmer bedeuten wenig, weil sie ohnehin weit vom eigenen Tor entfernt stehen. Vier überspielte Verteidiger dagegen heißen, dass eine Mannschaft in den gefährlichen Raum gekommen ist.
Diese zweite Zahl korreliert deutlich enger mit Torgefahr als die Gesamtsumme, und sie ist der Grund, warum Vereine mit dem Ansatz überhaupt arbeiten. Sie beantwortet eine Frage, die weder Ballbesitz noch Passquote beantworten: Ist dieses Spiel nach vorn gegangen oder nur seitwärts?
Wo der Ansatz an Grenzen stößt
Packing braucht Positionsdaten und eine Definition davon, wann ein Gegenspieler als überspielt gilt. Beides ist Auslegungssache des Anbieters, und weil es sich um ein kommerzielles Modell handelt, sind die Regeln nicht öffentlich einsehbar. Wer die Zahl liest, muss dem Anbieter vertrauen.
Dazu kommt der klassische Einwand gegen jede Einzelkennzahl. Ein Verteidiger, der den langen Ball nach vorn schlägt, sammelt Packing-Punkte auch dann, wenn der Ball beim Gegner landet. Deshalb wird der Wert in der Praxis fast immer zusammen mit der Erfolgsquote gelesen, nicht allein.
Warum die Idee ausgerechnet hier entstand
Der deutsche Fußball hatte lange ein besonders enges Verhältnis zu Zweikampf- und Laufwerten, also zu Kennzahlen, die Einsatz messen. Eine Größe, die stattdessen den Raumgewinn misst, ist die logische Gegenbewegung dazu, und dass sie von zwei ehemaligen Profis kam und nicht aus einem Statistikinstitut, hat ihr in der Branche zusätzliche Glaubwürdigkeit verschafft.
Hinzu kam ein praktisches Argument. Wer einen Spieler verpflichten will, braucht Zahlen, die zwischen Ligen vergleichbar sind. Eine Passquote ist das kaum, weil sie von der Spielweise der Mannschaft abhängt. Wie viele Gegenspieler jemand pro Aktion überspielt, hängt stärker vom Spieler selbst ab und weniger vom System um ihn herum.
Wie Vereine damit arbeiten
Im Scouting dient der Wert vor allem als Filter. Aus einigen tausend Spielern lässt sich damit eine überschaubare Liste erzeugen, die anschließend jemand ansieht. Niemand verpflichtet einen Spieler wegen seiner Packing-Werte, aber viele werden dadurch überhaupt erst angesehen.
In der Spielanalyse wird die Zahl anders genutzt, nämlich rückwärts: Über welche Zonen hat der Gegner in den vergangenen Spielen den meisten Raum gewonnen, und welche Passwege muss man ihm folglich nehmen? Diese Anwendung ist unspektakulär und trotzdem die häufigere.
Für Zuschauer bleibt die Kennzahl schwer greifbar, weil sie kein Ergebnis beschreibt. Sie beantwortet die Frage, ob eine Aktion das Spiel nach vorn gebracht hat, und das ist eine andere Frage als die, ob am Ende ein Tor gefallen ist.
Verwandte Größen: Passquote, Ballbesitz und der Überblick zur Fußball-Statistik.
Erwähnenswert ist noch, dass sich der Begriff im deutschen Sprachgebrauch von der Kennzahl gelöst hat. Packing wird inzwischen auch dann gesagt, wenn niemand etwas gemessen hat, ungefähr im Sinn von einem Ball, der viele Gegner auf einmal ausschaltet. Das ist bequem und ungenau zugleich, denn die eigentliche Zahl hängt an einer präzisen Definition davon, wann jemand als überspielt gilt.
Im Zweifel lohnt die Rückfrage, ob eine genannte Zahl aus dem Modell stammt oder aus dem Bauch.
Häufige Fragen zu Packing
Was misst Packing genau?
Die Zahl der Gegenspieler, die ein Pass oder ein Dribbling aus dem Spiel nimmt. Ein Ball, der hinter vier Gegnern ankommt, zählt vier.
Wer hat die Kennzahl entwickelt?
Die früheren Profis Stefan Reinartz und Jens Hegeler, aus deren Arbeit das Unternehmen Impect hervorging.
Warum sind überspielte Verteidiger aussagekräftiger?
Weil sie näher am eigenen Tor stehen. Ein überspielter Stürmer ändert wenig an der Gefahrenlage, ein überspielter Verteidiger sehr viel.
Kann man Packing-Werte verschiedener Quellen vergleichen?
Kaum. Das Modell ist kommerziell und seine Definitionen sind nicht öffentlich, weshalb Werte nur innerhalb desselben Anbieters vergleichbar sind.